Motiv-Archetypen der Kulturen

Ikonografie

Bilder-Fahrzeuge, die Werden und Vergehen bewahren

Darstellungen archetypischer Symbole, die den Kulturen der Welt gemeinsam sind. Die Erde als Wohnort Aller. Bilder ursprünglicher Weltgemeinschaft. Das Netz ist eins der weltweit wichtigsten Motive der Jungsteinzeit. Es ist ein Symbol für Versorgung und erinnert an das Lebenswasser in der Fruchtblase.

 

Gedankengänge Renata Bonnet 

Das Netz ist eins der weltweit wichtigsten Motive der Jungsteinzeit. Es ist ein Symbol für Versorgung und erinnert an das Lebenswasser in der Fruchtblase. Die Raute, die kleine Rauten enthält erinnert an einen Bienenkorb als Bild des Uterus. Dort, wo der Honig gehortet wird. Eine Raute mit zwei kleinen Rauten und 4 Haken, ein Symbol für den Frosch und den obskuren Kräfte oder der Frau an sich. Oft ein Element der Liebesmagien.

Lebensmotive der Kulturen

Ikonografie

Eine stehende Figur in der Betposition ist ein Geburtsmotiv in steht für die Göttin als Lebensquelle.

Das Dreieck: Das Schoßdreieck. Ein Bild für Wachstum und Lebensenergie. Als Höhlenzeichnungen auf Keramik in Deutschland, Ägypten, Indien und Nordafrika.

Die Raute oder das gespiegelte Dreieck. Es evoziert die Zellteilung. Mit senkrechten Strich – der Wunsch der Fruchtbarmachung ein Bild des Werdens. Das Rautengewand bei Stiergott und König in Ägypten und Südindien.

Zwei Dreiecke in Form einer Sanduhr. Ein Symbol der Fruchtbarkeit und des Schutzes. Die Rautenserie evoziert eine Haltung der Frauen dem Leben gegenüber: Geschmeidigkeit, Adaption, Kontinuität. Ein umgekehrtes V mit Haken hat eine sexuelle Konnotation des hoch und runter. Ein Symbol für Spinne, Tarantula, ein Tanz in der Trance gegen schlechte Einflüsse.

Autorin: Renata Bonnet

Über den Prozeß der Schöpfung
und zur Integration männlicher und weiblicher Schöpfungskriterien.

1.
1990 hat ein interdisziplinäres Forscherteam versucht die Kontinuität neolithischer Funde in Anatolien, ausschließlich Keramik, bis zur heutigen anatolischen Webkunst zu verfolgen.

2.
Daraufhin hat man semiotische Ähnlichkeiten zwischen den neolithischen, anatolischen Funden und den bis heute tradierten Ausdrucksformen der Berber entdeckt. Auch stellte man fest, daß der Grund hierfür, historisch betrachtet, nicht in Formen von Export liegen kann.

3.
Der ontologische Grund für diese Ähnlichkeit, so lautet die Hypothese, liegt darin, daß den verglichenen Formen ein weiblicher Schöpfungsprozeß zugrunde liegt.

4.
Wieso?
Begibt man sich auf die Suche nach universellen Strukturen künstlerischen Ausdrucks, kann man feststellen: bei den neolithischen Funden – Keramik, für den häuslichen Gebrauch von Frauen hergestellt – handelt es sich um nicht figurative, abstrakte Darstellungen matrilokaler und matrilinearer südosteuropäischer Kulturen.
Verfolgt man weltweit künstlerische Ausdrucksformen ähnlich matriarchal strukturierter Gesellschaften und vergleicht sie mit den Produkten eines europäischen Pendants, so z.B. den finanziell autonomen, von Welt und Patriarchat abgeschlossenen, europäischen Frauenorden, stößt man auf eine Zweiteilung: weibliche Kunst tendiert zur Abstraktion, männliche Kunst zur Figuration.

5.
Dem zugrunde liegt ein geschlechtlicher Unterschied: Frauen empfanden nicht das Bedürfnis die Natur zu imitieren, da sie bereits das biologische Monopol zur Reproduktion besitzen. Männer, die keine Kinder produzieren, reproduzieren die Welt in naturgetreuer Nachahmung – heute bis zu einer Figuration, die in einem Versuch der Selbstschöpfung Roboter, künstliche Intelligenz und den Gen Code entwickelt.

6.
Wie aber konnte sich die weibliche Abstraktion über Jahrtausende in den Ausdrucksformen der Berber erhalten?
Sie blieb unangetastet von männlichen Einflüssen aus mehreren Gründen:
* religiös bedingte Trennung von Mann und Frau
* Webkunst und Keramik oblag den Frauen. Tätowierung wurde fast ausschließlich von Frauen an Mädchen vorgenommen.
* Kolonialisation erst ab 1916, d. h.Unberührtheit vom Konzept der Kunst, das vornehmlich ethnozentrisch-eurozentrisch, elitär (Bourgeoisie, 19.Jh.),
personalistisch ist und sich weigerte, Kunst zu sehen in etwas, das „nützlich“ war.
Im Vergleich dazu Europa: als weibliche Domäne hat sich allein die Mystik erhalten (s. finanziell unabhängige Frauenorden) im Sinne einer Erfahrung, die über Sprache und Bild hinausgeht.

7.
Wodurch nun sind diese weiblichen Schöpfungskriterien bedingt und was beinhalten sie? In der Kunsttheorie, die von der Psychoanalyse, von Freud bis Lacan, geprägt ist, spricht man bei der Entstehung von Kunst, die vor der Abstrakten liegt, von einem Prozeß der Repräsentation. Dabei handelt es sich um den Ersatz einer Sache durch eine andere mit Hilfe eines Symbols, eines Bildes oder einer Metapher wie z.B. ein Kamin statt eines Phallus… Etwas, das abwesend ist, wird symbolisch präsent – ein sogenannter „phallischer“ Prozeß.

Nach jüngeren Untersuchungen von Schöpfungskriterein, die durch die Gender Theories beeinflußt sind, wird nun ein weiblicher Aspekt hinzugefügt. Dieser bezieht sich auf den bisher übersehenen Zeitraum von neun Monaten des vorgeburtlichen Geschehens.
Dabei befindet sich ein noch-nicht-Säugling in einem Austausch mit einer noch-nicht-Mutter. Das bedingt eine immerwährende Adaptation des einen an das andere in gegenseitiger Abhängigkeit. Etwas entsteht ohne Hierarchie und ohne daß das eine für das andere verschwindet – auf der Ebene einer gleichberechtigten Ethik.
Diesen weiblichen Schöpfungsprozeß nennt man „matrixiell“ und um ihn muß sich die zukünftige Kunstbetrachtung erweitern. Auf diese Weise können sich weibliche und männliche Schöpfungskriterien, mit den Worten Rilkes, grenzend grüßen.

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